Flucht vor Religion: Lieben verboten?

Mit der folgenden Geschichte möchte ich euch unsere Gefühle und die HERAUSforderungen unserer letzten Jahre erzählen. Es fällt uns schwer so offen darüber zu reden, aber trotzdem wollen wir diesen Schritt gehen um eine Inspiration für andere Menschen zu sein, welche in der gleichen oder vielleicht in einer ähnlichen Situation sind. Lest den Artikel bitte bis zum Ende, denn zum Schluss kommen für mich wichtige Sachen. Leider konnte ich den Artikel nicht kürzer halten, denn schließlich geht es hier um fast 6 Jahre unseres Lebens <3

Es begann alles in NRW in einer Stadt namens Hagen. Leute ich sag euch, wenn ihr mal bock auf besoffene, zu gekockste, Salafisten, streng Konservativ religiöse Menschen und sry wenn ich das jetzt so sage aber echt eine wahnsinnigen (und das meine ich wortwörtlich) Stadt habt…hey dann kommt nach Hagen XD

Ich (Ille) arbeitete damals mit guten Freunden an integrativen und sozialen Multimedia Projekten wo es darum ging das Verständnis der Jugendlichen für Integration und Courage zu sensibilisieren. Ich war gerade dabei den Kindern etwas über Homosexualität zu erklären, weil wir dies unter anderem in dem Theaterstück behandelten, als ER (Ahmet) durch die Tür kam.
Ihr müsst wissen, dass Ahmet wirklich genau dem Mann Typ entspricht, welchen ich waaaaahhhhhhnnnnsssiiinniiiggg attraktiv finde! <3
Also bupperte mein Herz wie bekloppt und ich versuchte ruhig zu bleiben. Wie immer legte ich damals meine locker flockige Art auf um mich hinter diesen ganzen wahren Gefühlen zu verstecken. Denn hey mal ganz ehrlich: damals war ich noch nicht soweit um zu erkennen, dass es genau diese Gefühle sind, welche das Leben ausmachen und wahnsinnig intensiv sein können.

Ahmet kam mit einem Freund namens Mehdi und nach einiger Zeit verknüpfte sich die ganze Gruppe und ich kam mit Ahmet näher in Kontakt….Meine Fresse hat der ein schönes Gesicht!!! XD Meine Gedanken kreisten sich nur um das eine: ”Wie kann ich etwas mit ihm alleine unternehmen?”
Gesagt getan fragte ich nach einigen Tagen ob wir zusammen nach Hause gehen wollten und somit war die perfekte Chance geboren uns näher kennen zu lernen. Wir bemerkten beide schnell, wie sympathisch wir uns waren, obwohl Ahmet sehr religiös war und wusste das ich Schwul bin.

Kurzer Exkurs:
Ahmets Eltern sind Salafistisch eingestellt (sie leben den Quran wortwörtlich aus) und hätten es niemals geduldet das ihr Sohn schwul ist, oder das er eine Frau ohne Kopftuch heiratet etc…Im Gegenteil er sollte sogar Hoçer werden (sozusagen ein Islamischer Priester) und in einer Mosche andere Muslimen den Islam lehren. Sie hatten die Rechnung aber ohne Ahmet gemacht, denn Ahmet war schon immer eigen. Er schminkte sich (Make-up), kleidete sich auffällig glänzend und war immer stets gestriegelt und perfekt gestylt. Er wurde von seiner Familie oft sehr unterdrückt und unter druck gesetzt, weswegen es für ihn, als er mich kennen lernte, die perfekte Situation war sich von seinen Eltern abzunabeln.

Zurück zur Story:
Ahmet war natürlich ”Hetero”, wie es sich für einen vernünftigen Muslimen gehört *kotz*, und hatte noch nie frei über seine Sexualität nachdenken können und dürfen.
Ich meine hey…Ihnen wurde in der Moschee beigebracht, dass sie ihren Penis nur kurz angucken dürften zum Waschen, denn alles andere wäre Haram (eine Sünde).
Könnt ihr euch vorstellen wie es ist, seinen eigenen Körper nicht berühren zu dürfen und sich somit von seiner Natürlichkeit und seiner ganzen Identität immer weiter entfernen zu müssen?

Ich finde es schrecklich was Religionen mit unserer Sexualität machen. Die Menschen haben ja Quasi Angst vor Sex, oder nur noch ein krankes Bild vom ganzen….Schnell fi…und dann ist gut ist die Devise unserer heutigen Gesellschaft! Wenn sie wüssten was Sex wirklich bedeutet und wie tief greifend diese Erlebnisse für unsere Entwicklungen sind würden sie alle zu ihrem tiefen Gefühlen ihrem Ich wieder zurück finden und die Welt würde ganz anders aussehen. Sex kann uns zu unserem BIN wieder zurück führen. BIN ist man quasi, wenn man die erste Sekunde auf diese Welt aus der Scheide seiner Mutter gepresst wird und noch keinen Namen, keine Aufgabe einfach nichts auferlegt bekommen hat, denn das sind alles nur Masken aber nicht wirklich wir…Aber hierzu in einem anderen Artikel mehr ;-D

Nach einer weile näherten wir uns immer mehr dem Thema meiner Homosexualität. Ahmet war sehr neugierig und fragte mich viele Fragen. Wie kannst du dich denn gegen Gott stellen? Hast du keine angst? Aber du kommst doch in die Hölle!? Woher weißt du denn das du auf Männer stehst?

Die letzte Frage bekomme ich öfters gestellt und meine Antwort lautet immer wieder:” Wann hast du dich denn entschieden Hetero zu sein? Also wie hast du bemerkt das du auf Frauen stehst?”
Danach schaue ich immer in offene Münder, weil keiner diese Frage beantworten kann XD

Es vergingen mehrere Monate und mittlerweile war es normal, dass Ahmet und ich tagtäglich zusammen waren. Er hatte sogar schon einen Schlüssel meiner Wohnung bekommen, damit er sich auch mal die ruhe antuen kann, wenn ich nicht daheim war.
Eines Abends waren wir beide zu einem Film Abend bei mir zuhause und Ahmet lehnte sich auf einmal an mich. Ich war total erschrocken, aber versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Leute mal ganz ehrlich!!!! Es war wie eine Erfüllung für mich!!!! XD Meine fresse war ich aufgeregt!!!
Ich genoss es, machte mir aber keine Hoffnung, sondern dachte mir das es gute Freunde halt so machen! Ist doch normal. Bis ich bemerkte, dass sich eindeutige, naja sagen wir mal ”Männliche Zeichen” bei Ahmet zeigten.

Ahmet schaute mich an und fragte mich ob er mir eine ehrliche Frage stellen darf. Ich bejate dies natürlich und somit fragte er:” Würdest du es schlimm finden wenn ich Bisexuell wäre?”
SOS SOS SOS KOPF AUS ERROR ERROR XD
Ich war völlig aus dem Häuschen und versuchte ihm ruhig zu sagen, dass ich es natürlich nicht schlimm finden würde!
Die Gespräche vertieften sich und irgendwann kamen wir zu der Frage:” Wie soll ich denn Erfahrungen mit Männern sammeln? Wo findet man denn Schwule Männer?”

Ille jetzt ganz ruhig und cool bleiben! Alles ist gut und nein dein Kopf explodiert nicht jeden Moment XD
Ich schaute ihn an und sagte:” Ich bin Schwul!”
Ahmet schaute mich an und sagte:” Wir sind aber Brüder” woraufhin ich erwiderte:” Probiere es doch einfach aus oder traust du dich nicht mich zu küssen?”.
UND LEUTE DANN GESCHAH ES!!! Wir küssten uns das erste mal und auch wenn das jetzt so nach 0815 klingt, aber die Zeit blieb stehen. Es gab nur noch uns 2 und die Energie sauste nur so durch den Raum! Den Rest des Abends überlasse ich eurer Fantasie, denn dort werden die besten Geschichten geschrieben ????

Also nahm alles seinen Lauf. wir verliebten uns und waren unzertrennlich. 1 Jahr lang versteckten wir uns und mussten damit leben nie über uns reden zu können oder uns auch nur draußen zu lange anzuschauen, denn man sah es uns sofort an. LOVE IS IN THE AIR ICH SAGS EUCH XD
Nach und nach wurde das verstecken zu einer Last, weswegen wir uns oft stritten und es kamen immer wieder die Themen: Bin ich nicht doch vielleicht Hetero? Komm ich jetzt in die Hölle? Was sagt Allah zu allem? Bin ich Krank? und und und…halt die Erziehung eines religiösen Menschen meiner Meinung nach.
Nach einiger Zeit und Situationen die uns beinahe verrieten, hatten wir beide die Schnauze voll und beschlossen es Ahmets Papa zu sagen. Gesagt getan riefen wir meine Mutter (Ille’s Mama) an und fragten ob sie uns unterstützen könnte bei einem Gespräch mit Ahmets Vater in einem Café. Sie sagte ja und kam so schnell wie möglich nach Hagen.
Im Café angekommen sagten wir es Ahmets Vater und er wollte es nicht glauben, blieb aber ruhig, wegen der Umgebung in welcher wir uns befanden. Aus dem Gespräch heraus kristallisierte es sich, dass Ahmets Papa es nicht glauben wollte, aber damit anscheinend leben könnte. Er wollte alleine mit Ahmet reden, was ich nicht wollte, aber es Ahmet nicht untersagen konnte und wollte.
Ahmet ging mit seinem Vater in die Stadt, eine neue Jacke kaufen und danach nach Hause. Seine Mutter bereitete Fisch vor und alle gaben sich große Mühe.

UND DANN KAM DER KNALL!!!!!

Alle Onkel von Ahmet kamen mit einem mal in die Wohnung und umzingelten ihm im Wohnzimmer. Sie versuchten ihn zu zwingen mir eine SMS zu schreiben in welcher er einen von Ihnen diktierten Text verfassen sollte. Der Text sollte besagen, dass Ahmet mich nicht mehr sehen möchte und ich ihn nie wieder anschreiben oder aufsuchen sollte. Es wäre alles ein großer Fehler gewesen und nun hatte er wieder zu Gott zurück gefunden.
Ahmet weigerte sich, weswegen die Situation nun schärfer wurde. Sie drohten damit Ahmet Krankenhaus reif zu schlagen und mich von einem Kurden, welcher Auftragsmorde annehmen solle, töten zu lassen.
Die Situation spitzte sich zu und Ahmet wusste nicht was er tun sollte. Er ergriff die Chance und sagte er müsse auf die Toilette. Auf der Toilette angekommen schrieb er mir sofort, dass ich raus kommen solle, weil er jetzt gleich raus gerannt kommt und wir zur Polizei müssen. Gesagt getan schnappte ich mir alle nötigen Sachen und rannte so schnell wie ich konnte zum Parkplatz an der Wohnung seiner Eltern. Kurze Zeit später sah ich Ahmet und wir beide beeilten uns zügigen Schrittes zur Polizei zu kommen.
Bei der Polizei angekommen sagte man uns, dass wir eine Anzeige stellen konnten, aber mehr auch nicht, da noch nichts passiert war. Man machte uns schnell verständlich, das auch die Anzeige nichts bringen würde und nahm genervt trotzdem unsere Anzeige entgegen. Ich (Ille) wollte es trotzdem um einen Nachweis über den vergangenen Abend zu haben.

Nach der Polizei riefen wir meine Mutter an und meine Eltern holten uns so schnell wie möglich ab. Die Wartezeit war schrecklich, denn wir hatten Angst jeden Moment gefunden zu werden. Endlich kamen meine Eltern an und wir fühlten uns sicher im Auto.

Die nächsten Tage waren schrecklich, da wir nicht wussten was wir machen sollten! Nach einem Gespräch mit einer Organisation namens ”Gladt” welche Homosexuellen Menschen in Notsituationen hilft, stellte sich heraus das wir keine andere Wahl hatten als alles aufzugeben und nach Berlin umzuziehen. Dieser Schritt war schrecklich, denn wir beide mussten Freunde, Familie, Arbeit, Wohnung einfach alles was wir liebten und besaßen zurück lassen.

Der Abschied war schrecklich und wir beide waren am Boden zerstört! In Berlin angekommen nahm man uns in Empfang versuchte uns zu trösten und brachte uns in ein so genanntes ”Kriesenheim”. Leider durfte die Dame von der Organisation nicht mit rein und somit mussten wir uns verabschieden.

Im Kriesenheim angekommen, wollte man uns beide trennen, da wir nicht zusammen in einem Zimmer schlafen durften. Wir weigerten uns vehement und wollten gerade wieder gehen um auf der Straße zu schlafen, als ein Mitarbeiter (Stefan), welcher selber Schwul war kam und alles absegnete. Er entschuldigte sich bei uns und sagte das es schreckliche wäre uns zu trennen und räumte uns ein Zimmer frei, wo wir beide Schlafen konnten.

Von diesem Zeitpunkt an war es ein harter Kampf bis zu dem Punkt an dem ich gerade hier sitze in der Küche meiner Mutter mit meinem Mann zusammen und diesen Artikel schreibe. Wir haben beide viel gelernt und oft ging es uns alles viel zu schnell, aber ich bin dankbar für jeden Tag und jede Erfahrung, denn sonst wäre ich nicht wer ich jetzt bin.

Wir wollen euch alle ermutigen zu sein wer ihr seit, denn kein Mensch, kein System, kein glaube einfach nichts hat das Recht euch zu sagen wer oder wie ihr zu sein habt! Ihr seit perfekt auf diese Welt gekommen und alle Gefühle, jeder einzelne Atemzug, jeder Blick ist genauso wie er sein sollte! Ihr seit toll und ich liebe euch alle, auch wenn es für den ein oder anderen komisch klingen mag, aber das habe ich über die ganze Zeit gelernt. Ich akzeptiere jeden von euch wie er ist egal ob Hetero, Schwul, Lesbisch, Bi, Transgender, dunkel oder hellhäutig, egal ob ihr gerne Röcke als Mann tragt oder kurze Harre und einen Anzug als Frau……Es ist mir egal, denn ihr seit Perfekt wie ihr seit! Ich sitze hier mit Tränen der Freude in meinen Augen, denn wer einmal die Augen geöffnet hat wird sie nie wieder schließen.

Ich sende euch unendlich viel Energie und liebe

Eure Van-ille Schoten

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